Barbora Berlinger im Interview auf Windelfreibaby, (c) Barbora Berlinger

Im Interview mit mokoshop-Gründerin Barbora Berlinger: „Windelfrei ist Teil einer Revolution von unten“

Sie brachte das Wissen über Windelfrei in ihre Heimat Tschechien, hielt alle ihre drei Kinder ab und erfand die Minimalwindel. Barbora Berlinger bezeichnet sich selbst in Sachen Windelfrei als „Urgestein“. Mit ihrem Online Shop mokoshop ist sie oft auch die erste Anlaufstelle bei Fragen rund ums Abhalten. Hier erzählt Barbora Berlinger von ihren Anfängen, von verpassten Dates, weil sie die Windelwäsche ihres kleinen Bruders bügeln musste und wie Windelfrei dazu beitragen kann, die Welt zu verändern.

 

Barbora Berlinger im Interview

 

Was ist deine persönliche Windelfrei Geschichte?

„Als ich 17 war, bekam ich noch einen Bruder. Meine Mama hat komisch gewickelt. So kurz nach der Wende gab es Wegwerfwindeln nur auf Rezept und moderne Stoffis waren noch Lichtjahre entfernt. Ihr System bestand aus tausend Schichten Mullwindeln und einer Plastiküberhose. Voll eklig. Gewickelt wurde alle drei Stunden. Da ich ja schon groß war, musste ich mithelfen. Beim Wickeln und Bügeln der Windeln! Einmal habe ich deswegen sogar mein Date verpasst. All das hat dazu geführt, dass ich 20 Jahre danach nicht mal ein Bügeleisen besitze. Schon damals, ganz spontan, fand ich es viel logischer, einfacher und natürlicher weniger Stoff zu benutzen und dafür öfters zu wickeln. Und dann, neun Jahre später, saß ich tagelang im Internet und recherchierte in drei Sprachen, wie ich es besser machen könnte. Auf Deutsch gab es einen einzigen Artikel, auf Englisch ganze zwei Bücher! Ich habe also sämtliche Literatur zum Thema gelesen, und es war mir schnell klar, dass keine Windel die Lösung ist! Logisch, natürlich, hygienisch, ökologisch! Aber es gab zu wenig Informationen. Try-and-Error war schon besser als nichts, aber die Treffer-Quote war noch sehr gering. Und die Unsicherheit! Und die Reaktionen der Umgebung! OMG! Katastrophe! Deswegen sag ich immer, dass mein erstes Kind mehr oder weniger Windelfrei war. Beim zweiten Kind habe ich angefangen, Produkte zu entwickeln und Treffen zu organisieren. Denn gescheite Bekleidung und Austausch sind für den Erfolg unglaublich wichtig. Das wurde mir beim dritten Kind bestätigt. Da lief dann alles entspannt und fast automatisch.“

Windelfrei mit Back-up oder ohne? Teilzeit Windelfrei oder immer abhalten? Wie hast du Windelfrei praktiziert?

„Lini Lindmayer, Buchautorin und damals unsere Nachbarin (na gut, einige Täler entfernt), hat behauptet, ich würde kein Windelfrei praktizieren, wenn mein Kind eine Einlage in der Unterhose hat. Weil ihres HUNDERTPROZENTIG ohne Windel war. Ja klar, sie hatte ihr erstes und hatte nichts anderes zu tun, als den ganzen Tag auf einer Welle mit ihrem Baby zu sein. Ich hatte mein zweites Baby, dazu einen sehr aktiven älteren Bruder und einen eher nicht vorhandenen Kindsvater. Ich bin ein totaler Verfechter von Teilzeit Windelfrei und von Windelfrei mit einem Back-Up, also mit Sicherung. Ich habe es für mich immer die Minimalwindel genannt – die Unterwäsche ist saugfähig, kann eine Panne aufsaugen und gleich schnell und problemlos gewechselt werden, Hauptsache sie bleibt immer trocken und sauber.“

Deine liebste Windelfreianekdote?

Barbora Berlinger ist Mutter von drei Windelfreikindern, (c) Barbora Berlinger
Barbora Berlinger ist Mutter von drei Windelfreikindern, (c) Barbora Berlinger

„Ich habe viele, viele Geschichten. Ich könnte stundenlang erzählen! Zum Beispiel von der Geschichte mit dem Michelin-Mädchen. Ihre Mama dachte, es sind die Zähne. Ich trug die Kleine in den Garten, damit Mama in Ruhe fertig kochen kann, und als sie versuchte, mir vom Arm zu springen, hielt ich sie ab und tadaaa! Sie musste mal. Wie einfach! Danach sah sie mich an und in ihren Augen las ich: Danke. Endlich hat’s jemand verstanden. Ab da war Mama mit dabei und meldete mir jede Woche alle Erfolge. Und dann gibt es da noch die Geschichte von dem Bubi auf der Decke, der daneben robbte, um zu pinkeln, obwohl er ganz normal gewickelt wurde. Aber am Land kann man das Ding eben abmachen! Es ist nie zu spät anzufangen.“

Du hast dich selbst einmal charmant als „Windelfrei-Urgestein“ bezeichnet: Was ist denn in den letzten Jahren und Jahrzehnten beim Thema Windelfrei passiert?

„Oh, da ist viel passiert! Nicola Schmidt und Julia Dibbern vom artgerecht-Projekt haben Windelfrei Coaches ausgebildet. Es wurden viele neue Bücher geschrieben. Es gibt Unmengen an Produkten und Shops. Und die Windelfrei-Gruppe auf Facebook hat über 10.000 Mitglieder. Das finde ich echt super.“

Seit 2006 betreibst du sehr erfolgreich den mokoshop. Wie kam es dazu, dass du Windelfrei Equipment vermarktest?

„Windelfrei Mamas im Forum haben immer wieder Splitpants in Amerika bestellt. Und dann waren sie empört, wie hoch die Versandkosten sind. Und dass noch Zoll dazu kommt. Und ich dachte: Mensch, du kannst ja nähen! Also fing ich an. Den Schnitt zu entwickeln war nicht einfach. Es sind viele Hosen in die Ecke geflogen. Zum Glück gab es immer genug Klamotten zum „Upcyclen“ (nur das Wort gab es damals noch nicht). Und mein damaliger Mann meinte dann: Ich mach dir einen Online-Shop. Dann habe ich so lange gesucht, bis ich den China Topf in Hongkong gefunden habe. Und dann musste ich lernen, wie Import funktioniert. Und was das Finanzamt haben möchte. Und und und. Mittlerweile nähe ich nicht selber. Ich lasse zu Hause produzieren. Ich komme ja aus Tschechien. Fair und öko waren für mich immer unglaublich wichtig. Und vegan, auch wenn Wolle in diesem Sektor unschlagbar ist.“

Was ist der mokoshop-Bestseller und warum?

„Die MokoMidi. Weil sie so einfach ist, nehme ich an. Abhalten geht damit schnell und unkompliziert. Sie ist mein Lieblingsprodukt.“

Was müsste passieren, damit Windelfrei (wieder) bekannter und alltagstauglich wird?

„Windelfrei bekannter machen, das passiert von selber. Auf jeden Fall empfehle ich NICHT zu missionieren. Windelfrei ist zwar gut für (fast) alle Babys, aber nicht für alle Eltern. In meinen Vorträgen habe ich gelernt, dass sehr viel an Toleranz, Einsicht, Mitgefühl und Achtsamkeit in die Informationen einfließen müssen. Alltagstauglich wird Windelfrei mit praktischer Bekleidung und Back-up. Dann kann man eben überall praktizieren, man wird gesehen, gefragt. Das passiert alles automatisch.“

Ein Tipp für alle, die mit Windelfrei beginnen wollen?

„Entspannen. Bekleidung und das Wickeln vereinfachen. Viel Tragen. Körpernähe hilft.“

Was bedeutet Windelfrei für dich persönlich?

„Windelfrei ist gelebte Liebe. Auf die Bedürfnisse des Babys zu reagieren, ist gelebte Liebe. Ich schätze alle Vorteile von Windelfrei, aber die psychischen sind für mich die wichtigsten. Babys, die bedürfnisorientiert aufgewachsen sind, werden zu entspannteren Jugendlichen. Ein Paket aus Tragen, Stillen nach Bedarf, Familienbett, und im besten Fall auch noch aus achtsamen Umgang mit emotionalen Bedürfnissen kann die Welt verändern. Das ist eine Revolution von unten.“

Was wünscht du dir für die Zukunft?

„In fünf Jahren erwähnt jeder Kinderarzt bei der U3 ganz selbstverständlich Windelfrei.“

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