Lini Lindmayer im Interview auf Windelfreibaby, (c) Lini Lindmayer

Im Interview mit Autorin Lini Lindmayer: „Wenn wir Windelfrei verstehen wollen, müssen wir Bindung verstehen“

Lini Lindmayer ist freischaffende Autorin, Tanzpädagogin, Doula, Stillberaterin und Familienbegleiterin nach dem Authentic Parenting Prinzip, welches sie mit ihrem Mann vor über zehn Jahren ins Leben gerufen hat. Alle ihre sieben Kinder sind komplett ohne Windel aufgewachsen. In diesem Interview verrät sie, wie das klappen kann und worauf es bei Windelfrei tatsächlich ankommt.

Lini Lindmayer im Interview

Wie bist du das erste Mal mit Windelfrei in Berührung gekommen?

„Das erste Mal habe ich in meiner eigenen Kindheit davon gehört, dass zahlreiche Babys auf dieser Erde ohne Windel aufwachsen. Das klang damals recht schräg für mich. Denn – selbst in einer großen Familie aufgewachsen – war das Wickeln der Babys etwas, was wir mit ihnen machen durften. Losgelassen hat mich diese Tatsache dennoch nicht. Und im Laufe der Jahre, mit wachsendem Bewusstsein für unsere Umwelt und zunehmendem Interesse an der Entwicklungspsychologie des Menschen, hat mich der Gedanken, ein Baby ohne Windel zu begleiten, mehr und mehr fasziniert. Dennoch dachte ich lange Zeit, dass das bei uns nicht möglich wäre. Doch dann wurde ich schwanger und weder mein Mann noch ich konnten uns vorstellen zu wickeln. Wir wollten es einfach ausprobieren, ob es wirklich funktioniert so ganz ohne Windel und haben es dann einfach gemacht mit unserer ersten Tochter.“

Deine sieben Kinder sind windelfrei aufgewachsen. Oft heißt es, dass Windelfrei schon mit einem Kind zu viel Aufwand bedeutet und man doch eher zur Windel greift anstatt abzuhalten. Wie siehst du das? Bedeutet Windelfrei mehr Aufwand?

Lini Lindmayer spricht auf Windelfreibaby über Bindung, (c) Lini Lindmayer
Lini Lindmayer spricht auf Windelfreibaby über Bindung, (c) Lini Lindmayer

„Je nachdem, wie man es sieht. Ein Baby bedürfnisorientiert zu begleiten, ob nun mit oder ohne Windel, erfordert vor allem in den ca. ersten eineinhalb Jahren ein MEHR an Dasein und Aufmerksamkeit und Hinhören. Langfristig gesehen ist es aber wesentlich weniger Aufwand. Persönlich hat Windelfrei für uns nie ein MEHR an Aufwand bedeutet. Ganz im Gegenteil. Vielleicht war das erste Jahr immer etwas intensiver, aber all unsere Kinder haben mit ca. einem Jahr begonnen, zuhause und tagsüber recht zuverlässig selbst aufs Töpfchen zu gehen (mit Hilfe beim Hose herunterziehen). Wo andere Eltern noch wickeln oder sich erst langsam Gedanken über die Sauberkeitserziehung machen, haben wir schon lange nichts mehr damit zu tun bzw. nicht mehr als ab und an beim Toilettengang zu helfen. Meiner Erfahrung nach, aus all den Jahren Gruppen und Seminaren, ist das Empfinden des Mehraufwandes oft der Fehlinterpretation und der Fehlinformation von Windelfrei geschuldet. Viele Eltern glauben, ihr Baby ständig beobachten zu müssen, quälen sich mit der Suche nach möglichen Signalen und haben das Gefühl, irgendwann das Ziel, komplett ohne Windel und ohne nasse Hose, erreichen zu müssen.“

Wie sah bzw. sieht euer Alltag mit mehreren Windelfrei Kindern aus?

„Ich schätze mal, nicht wirklich anders als bei Eltern von gewickelten Kindern. Statt zu wickeln werden die Babys hier halt abgehalten. Was auch die großen Geschwister schon tun. Ab und an steht wo ein Töpfchen herum und gelegentlich schreit mal wer, dass das Baby Lulu gemacht hat oder es hängen mal ein paar nasse Hosen mehr auf der Leine. Aber nach all den Jahren ist, auch wenn man das nicht glauben mag, Windelfrei hier eher normal bzw. Nebensache. Das gehört hier einfach dazu.“

Hast du die Erfahrung gemacht, dass eben nicht jedes Kind für Windelfrei gemacht ist? Oder anders gefragt: Woran liegt es, wenn sich ein Kind gegen Windelfrei wehrt?

„Jedes Kind ist individuell, das zweifelsohne, aber jedes Baby bzw. jeder Mensch trägt die Fähigkeit und Bereitschaft zu kommunizieren und auf sich aufmerksam zu machen, in sich. Es ist die logische Konsequenz aus dem Umstand, dass wir unreif geboren werden und mindestens einen Erwachsenen an unserer Seite brauchen, der sich darum kümmert, dass wir ein Bedürfnis haben. Babys wehren sich nie gegen Windelfrei, sondern zeigen durch ihr Verhalten, dass etwas in der Bindungsbeziehung nicht stimmt. Beispielsweise, weil die Eltern gestresst sind, nervös, sich zu viel Druck machen, unsicher sind… Da gibt es vielerlei Gründe. Ein wesentlicher Aspekt meiner Tätigkeit ist ja der ganzheitliche Ansatz. Wenn Windelfrei nicht klappt, dann geht es selten ausschließlich um Windelfrei. Aber ein Baby, das windelfrei aufwächst bzw. die Erfahrung gemacht hat, dass die Eltern auf seine Äußerungen eingehen und reagieren, verwendet diesen Teilaspekt der Kommunikation gerne, um auf etwas aufmerksam zu machen, was nicht passt. Wir – als Eltern und Erwachsene – dürfen uns einfach in jedem Augenblick wieder bewusst sein, dass wir zuallererst IMMER zu uns selbst schauen und bei uns selbst beginnen müssen. Weil die Kleinen einfach nur kooperieren.“

Windelfrei mit oder ohne Back-up – inwiefern macht das deiner Meinung nach einen Unterschied?

„Für uns war es einfacher ohne. Immer. Wir kamen damals bei unserer Ältesten vor 17 Jahren gar nicht auf die Idee, irgendetwas zu verwenden. Und das haben wir beibehalten. Fürs Baby macht es aber keinen Unterschied. Weil es immer um Kommunikation geht und weder eine Windel, noch ein Backup oder sonst etwas hindern mich daran, mit meinem Baby zu kommunizieren. ABER: Nicht selten reagieren Eltern weniger zuverlässig, wenn eine Windel oder ein Back up verwendet wird. Und das macht die Kommunikation dann kompliziert. Denn ein Baby muss darauf vertrauen können, dass wir zuverlässig reagieren. Wenn das aber nicht der Fall ist, weil Eltern nicht ständig die Windel bzw. das Backup rauf und runter tun wollen, gerade abgelenkt sind oder zögerlich, weil sie sich nicht ganz sicher sind, dann bleibt die zuverlässige Reaktion, die Babys für ihr Erleben und Verarbeiten der eigenen Äußerungen brauchen, aus. Da geht es vor allem auch darum, was das Baby nonverbal an Reaktion von uns erlebt.“

Verrate uns doch bitte deine persönlichen Tipps und Tricks rund ums Abhalten: Was ist das Wichtigste bei Windelfrei?

„Vertrauen, Vertrauen und nochmal Vertrauen. Es geht weder um die Windel, noch um die Ausscheidung im Töpfchen, sondern es geht um BINDUNG und Kommunikation. Windelfrei ist einfach so viel mehr als nur ein Baby ohne Windel zu begleiten. Es ist Teil der bedürfnisorientierten Begleitung. Es stärkt und nährt die Bindungsbeziehung und es braucht zuallererst einmal entspannte Eltern, die sich selbst vertrauen und sich ihrer Rolle als Eltern bewusst sind.“

Wie siehst du die Entwicklung von Windelfrei in den letzten Jahren?

„Bis auf mein Davon hören gab es bei unserer Ältesten damals niemanden, der das auch nur annähernd so gemacht hat. Das hat sich in den letzten Jahren sehr stark verändert. Zumindest hier in Österreich. Windelfrei ist hier mittlerweile recht bekannt. Und die meisten haben zumindest schon einmal davon gehört. Wichtig finde ich einfach das Vorleben. Das TUN und erzählen, dass es anders auch geht…“

Lini Lindmayer im Interview auf Windelfreibaby, (c) Lini Lindmayer
Lini Lindmayer im Interview auf Windelfreibaby, (c) Lini Lindmayer

Was denkst du über Windeln, die bis zu zwölf Stunden trocken halten?

„Ich finde es spannend, wie sehr wir uns kollektiv gesehen als Gesellschaft von dem, was eigentlich natürlich ist, entfernt haben. Und wie sehr wir oft daran glauben wollen, dass etwas vollkommen normal ist, obwohl es im Grunde vollkommen absurd ist. Welcher Erwachsene geht zwölf Stunden lang nicht auf die Toilette? Oder möchte seine eigenen Ausscheidungen am Körper spazieren tragen? Wir meinen von uns selbst, intelligent und weit entwickelt zu sein und sind doch die einzigen Lebenwesen, die ihren Kindern die Ausscheidungen an den Körper schnallen und dann auch noch behaupten, dass es hygienisch sei. Das macht kein anderes Lebewesen.“

Deine liebste Windelfreianekdote?

„Ui, da gibt es zahlreiche. Am witzigsten – im Nachhinein – sind jene Momente, in denen man sich so geschickt anstellt und das Töpfchen umstößt, nachdem das Baby hineingemacht hat…“

Ein Blick in die Zukunft: Wie glaubst du, wird sich die Windelfrei Bewegung in den nächsten Jahren verändern? Was wünschst du dir?

„Ich würde mir wünschen, dass der Fokus sich weg vom Konzept oder der Methode hin zur Bindung wendet. Denn Windelfrei ist einfach kein isoliert zu betrachtendes Thema, sondern ein Teilbereich der bedürfnisorientierten Begleitung, die wiederum in einer Wechselbeziehung zur Bindung steht. Wenn wir Windelfrei wirklich verstehen wollen, müssen wir Bindung verstehen. Und daran arbeite ich seit Jahren. Darum geht es in meinen Seminaren auch nicht nur um Windelfrei. Oder im Grunde nur peripher, sondern viel öfters um das ganze Rundherum und das Verstehen.“

Weitere Informationen zu Lini Lindmayer findest du auch hier:

www.windelfrei.at

www.authenticparenting.at

t.me/autenticparenting

Ein Gedanke zu “Im Interview mit Autorin Lini Lindmayer: „Wenn wir Windelfrei verstehen wollen, müssen wir Bindung verstehen“

  1. […] „Lini Lindmayer, Buchautorin und damals unsere Nachbarin (na gut, einige Täler entfernt), hat behauptet, ich würde kein Windelfrei praktizieren, wenn mein Kind eine Einlage in der Unterhose hat. Weil ihres HUNDERTPROZENTIG ohne Windel war. Ja klar, sie hatte ihr erstes und hatte nichts anderes zu tun, als den ganzen Tag auf einer Welle mit ihrem Baby zu sein. Ich hatte mein zweites Baby, dazu einen sehr aktiven älteren Bruder und einen eher nicht vorhandenen Kindsvater. Ich bin ein totaler Verfechter von Teilzeit Windelfrei und von Windelfrei mit einem Back-Up, also mit Sicherung. Ich habe es für mich immer die Minimalwindel genannt – die Unterwäsche ist saugfähig, kann eine Panne aufsaugen und gleich schnell und problemlos gewechselt werden, Hauptsache sie bleibt immer trocken und sauber.“ […]

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